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Rassismus, Antisemitismus und dergleichen

Dieses Online-Tool konzentriert sich auf fĂŒnf Diskriminierungsformen: Diskriminierung von Sinti und Roma, Antisemitismus, Rassismus, die Diskriminierung von LGBT+ und die Diskriminierung von Muslim*innen (ungeachtet teils abweichender Bezeichnungen). Warum, zum Beispiel, sprechen wir nicht von „antimuslimischem Rassismus“? Wozu brauchen wir Begriffe wie Antisemitismus und Diskriminierung von Sinti und Roma ĂŒberhaupt? Ist das nicht einfach nur Rassismus gegen JĂŒd*innen, bzw. Rom*nija und Sint*izza? Sind diese Diskriminierungsformen nicht einfach eine Form von Rassismus?

Auch wenn all diese Diskriminierungsformen grundlegende Elemente gemeinsam haben, so gibt es doch viele Unterschiede, die es zu verstehen gilt, wenn wir die komplexe Geschichte und die tief verwurzelten Traditionen des „Othering“ – der Klassifizierung anderer Menschen als „fremd“ – in unseren Gesellschaften begreifen wollen.

Konstruktion von Gruppen
Alle Diskriminierungsformen haben gemeinsam, dass sie Menschen aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens, ihrer Herkunft oder scheinbaren IdentitĂ€t ins Visier nehmen. Auf dieser Grundlage werden homogene Gruppen konstruiert (zum Beispiel JĂŒd*innen, Muslim*innen, Sinti*zza und Rom*nija, LGBT+, Schwarze) und dann vor dem Hintergrund imaginierter Eigenschaften diskriminiert.

Keine Hierarchie der Diskriminierung
Europa war schon immer sehr vielfĂ€ltig – ein Kontinent, in dem zahlreiche Minderheiten auf unterschiedlichste Weise miteinander interagierten. Doch die meisten dieser Minderheiten teilen eine lange Geschichte der Diskriminierung. Stories that Move arbeitet außerdem mit Interviews, in denen Jugendliche von ihren Erfahrungen in der heutigen Zeit berichten, zum Beispiel mit körperlichen EinschrĂ€nkungen (Majec aus der Slowakei) oder als Mitglied einer religiösen Minderheit (Wioletta als polnische Zeugin Jehovas). Die SchĂŒler*innen sollen erkennen, dass es keinerlei Hierarchie nach dem Motto „Welche Diskriminierungsform ist am schlimmsten?“ gibt. Zudem sollen sie die Möglichkeit haben, die vielen Formen der Diskriminierung zu betrachten, die fĂŒr ihr eigenes Leben und ihre Gesellschaft relevant sind.

Begriffe und ErklÀrungen
Über das Online-Tool erhalten die SchĂŒler*innen verschiedene ErklĂ€rungen zu den Begriffen Antiziganismus/Diskriminierung von Sinti und Roma, Antisemitismus, Rassismus, Diskriminierung von LGBT+ und Diskriminierung von Muslim*innen. Damit sollen die gegenwĂ€rtigen und historischen Aspekte, die fĂŒr den jeweiligen Begriff eine Rolle spielen, erklĂ€rt werden. Wir verwenden auch andere Wörter, die verbreitet sind, aber als kontrovers gelten – zum Beispiel Homophobie oder Islamophobie. All diese Begriffe sind im Glossar enthalten, damit sich interessierte SchĂŒler*innen umfassend informieren können.

Rassismus und Antisemitismus

Antisemitismus wird oft als eine Form von Rassismus betrachtet, mit der JĂŒd*innen fĂŒr viele soziale, wirtschaftliche und politische Probleme verantwortlich gemacht werden. Wie bei anderen Formen des Rassismus, wird auch beim Antisemitismus die anvisierte Menschengruppe als minderwertig dargestellt. Im Gegensatz zu anderen Formen zeichnet der Antisemitismus aber auch ein Bild von JĂŒdinnen und Juden als allmĂ€chtig. Diese Vorstellung bildet die Grundlage fĂŒr Verschwörungstheorien ĂŒber sie, denen zufolge sie heimlich die Medien, die Banken und/oder den Lauf der Welt beeinflussen.

Im Gegensatz zum Rassismus Ă€ußert sich Antisemitismus heutzutage nicht mehr in Form von sozialen Problemen wie Armut und Arbeitslosigkeit. Hassrede und Hassverbrechen stellen trotzdem ein großes Problem im Leben vieler JĂŒd*innen dar. Die Tatsache, dass Antisemitismus von der Mehrheitsgesellschaft oft nicht als relevantes Problem anerkannt wird, wird als zusĂ€tzliche Bedrohung wahrgenommen, da es so scheint, als wĂ€re der Antisemitismus das Problem der Opfer und nicht ein Problem der gesamten Gesellschaft.

Umkehr der Schuld
Bei der Thematisierung von Antisemitismus im Klassenzimmer treffen LehrkrĂ€fte unter UmstĂ€nden auf eine Verweigerungshaltung. So kann es vorkommen, dass die Relevanz dieses Themas in Frage gestellt wird. Wortmeldungen wie „Aber heutzutage werden die Juden doch nicht mehr diskriminiert“ sind zu erwarten, ebenso Referenzen auf das, „was heutzutage in Israel passiert“. Viele Expert*innen weisen darauf hin, dass das Thema eine komplexe Mischung aus Schuld, Abwehr und Überdruss in Bezug auf die Darstellung von JĂŒdinnen und Juden als Opfer hervorruft. Ein verbreitetes PhĂ€nomen, das Betroffenen von Antisemitismus ebenso begegnet wie anderen Gruppen, die durch diskriminierende Sprache angegriffen werden, ist die Schuldumkehr: Wenn sie „immer noch“ unter Antisemitismus leiden, so heißt es da, muss es dafĂŒr ja einen Grund geben.

Einerseits ist die Bedeutung des Gedenkens an den Holocaust und die entsprechende Wissensvermittlung fest in den europÀischen LehrplÀnen verankert. Andererseits sind seine Leugnung oder das Herunterspielen seiner Bedeutung verbreitete Formen des Antisemitismus.

Antisemitismus im Zusammenhang mit Israel
Antisemitismus wird oft mit einer Kritik der Politik des israelischen Staats und einer Ablehnung des Zionismus verknĂŒpft. Das sind Ă€ußerst komplizierte aber auch sehr sensible Themen.
Wenn es um die Auseinandersetzung mit den Ansichten von SchĂŒler*innen geht, sollten folgende Punkte berĂŒcksichtigt werden:

  • Der Konflikt zwischen Israel und den PalĂ€stinenser*innen sowie den umliegenden Staaten in der Region ist komplex. Viele Menschen sind mit dessen langer Geschichte zwar nicht besonders vertraut, möchten aber trotzdem kundtun, wen sie fĂŒr die gegenwĂ€rtige Situation fĂŒr verantwortlich halten.
  • Israel als Nationalstaat kann kritisiert werden wie jeder andere Staat auch. Manchmal allerdings ist diese Kritik in Bezug auf die verwendete Sprache oder die bemĂŒhten Bilder antisemitisch. Das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen, kann als antisemitisch gelten, da damit ausschließlich einer spezifischen Gruppe das Recht verwehrt wird, einen Staat zu grĂŒnden. Oftmals wird die israelische Regierung an hĂ€rteren Standards gemessen als andere Regierungen.
  • Die israelische Besatzungspolitik mit dem Holocaust zu vergleichen, ist nicht nur Ă€ußerst beleidigend, sondern oftmals auch von einer anti-jĂŒdischen Sichtweise motiviert.
  • Antisemitismus ist am offensichtlichsten, wenn alle JĂŒd*innen weltweit fĂŒr die israelische Politik verantwortlich gemacht werden.
  • Antizionismus ist nicht automatisch antisemitisch. Es gibt inner- und außerhalb Israels viele JĂŒd*innen, die einen palĂ€stinensischen Staat, die Teilung Jerusalems und eine WiedereinfĂŒhrung der Grenzen von 1967 durch die RĂŒckgabe umstrittener Gebiete unterstĂŒtzen. Eine objektive Diskussion ĂŒber den Zionismus ist im gegenwĂ€rtigen politischen Klima schwierig. TatsĂ€chlich mĂŒndet ein großer Teil antizionistischer Kritik in antisemitischer Rhetorik.

Rassismus und Diskriminierung von Sinti und Roma
Diskriminierung von Sinti und Roma ist eine weitere spezifische Form des Rassismus. Oft wird der Begriff im engeren Sinne verwendet, um auf romafeindliche Einstellungen oder Negativ-Stereotypisierungen zu verweisen, zum Beispiel in Hassreden. Dabei drĂŒckt sich Diskriminierung von Sinti und Roma in einem sehr viel breiteren Spektrum aus, mit mannigfaltigen Formen und Praktiken. Unter anderem manifestiert es sich auch strukturell, wie zum Beispiel in der Tatsache, dass viele Sinti und Roma nur Zugang zu Wohnraum und Bildung von schlechter QualitĂ€t haben. Wie bei anderen Rassismusformen spielt auch bei Diskriminierung von Sinti und Roma die Verteilung von Macht und Wohlstand eine wichtige Rolle fĂŒr dessen KontinuitĂ€t.

Was Diskriminierung von Sinti und Roma besonders macht, ist seine weit verbreitete Akzeptanz in Europa. Antiromaistische Einstellungen und Handlungen werden im Gegensatz zu anderen Formen des Rassismus oftmals toleriert und nicht geÀchtet. Sinti und Roma zu kritisieren und/oder zu diskriminieren, wird allzu oft als gerechtfertigt und legitim angesehen.

Wie bei anderen Rassismusformen sind auch die UrsprĂŒnge des Diskriminierung von Sinti und Roma daran festzumachen, wie die Mehrheitsgesellschaft diejenigen sieht und behandelt, die sie als „Zigeuner“ identifiziert. Um die Diskriminierung von Sinti und Roma zu bekĂ€mpfen, mĂŒssen wir die Mehrheitsgesellschaften untersuchen und den Opfern zuhören, denen fĂŒr gewöhnlich aber durch eben jene Diskriminierung von Sinti und Roma die Stimme genommen wird.

Errungenschaften
Jede der fĂŒnf Diskriminierungsformen hat eine eigene Geschichte, in der es oftmals zu Verfolgung und Massenmord kam. Diese Toolbox beschĂ€ftigt sich nicht mit allen der diesbezĂŒglich relevanten Themen wie Sklaverei, Kolonialismus, Genozid etc. Stattdessen bietet sie den SchĂŒler*innen die Möglichkeit, sich anhand von Lebensgeschichten aus Gegenwart und Vergangenheit mit unterschiedlichen Formen der Diskriminierung auseinanderzusetzen. In diesem Zusammenhang finden wir es jedoch wichtig, sich nicht nur auf die Verweigerung von Rechten und das Leid der Diskriminierten zu konzentrieren, sondern auch die Errungenschaften der dagegen ankĂ€mpfenden Gruppen und Einzelpersonen zu beleuchten.

Diskriminierung begegnen
Das Ziel des Moduls „Diskriminierung begegnen“, das Diskriminierung analysiert und verschiedene Begriffe vorstellt, besteht nicht darin, einfache Antworten und griffige Definitionen zu liefern. Vielmehr hoffen wir, SchĂŒler*innen in einen intensiven GesprĂ€chs- und Denkprozess einzubinden, in dem sie sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zwischen den Diskriminierungserfahrungen verschiedener Minderheiten kennenlernen und analysieren.

Die von uns verwendeten Beschreibungen und ErklĂ€rungen finden Sie hier. Der erste Text fĂŒr die SchĂŒler*innen ist eine Zusammenfassung der unserer Meinung nach essentiellen Elemente. Der zweite Text stammt von einer internationalen Organisation und belegt, dass diese Themen sowohl in den alltĂ€glichen Begegnungen innerhalb unserer Gesellschaft als auch in den internationalen Beziehungen eine wichtige Rolle spielen.

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